Erstens kommt es anders ... | Fantasie-Reise

Erstens kommt es anders … – Kapitel 11

25. April 2019
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Kapitel 11

Sandra eilte ins Büro. Jetzt plötzlich, als das lange Wochenende vorbei war, bekam sie kalte Füße. Wie sollte sie sich Tim gegenüber verhalten? Sollte sie ihn in der Arbeit auch noch mit Vornamen ansprechen und duzen? Oder war das nicht angebracht? Oder ist er vielleicht sauer, wenn die ihn wieder mit sie ansprach? Sandra hatte keine Ahnung was sie tun sollte. Deswegen war sie auch früher gekommen. Sie würde jetzt in aller Ruhe Kaffee aufsetzen und noch einmal darüber nachdenken. Doch auch heute war Tim schon vor ihr im Büro.
Sandra roch frischen Kaffee und ging erstaunt zu ihrem Schreibtisch. Donuts lagen, wie durch Zauberhand erschienen, neben der Kaffeemaschine. Tim war wieder zuvorkommend und fleißig gewesen.
Sandra lächelte erleichtert. Zumindest würde er nach diesem Wochenende nicht wieder zu einem Idioten mutieren.
In diesem Augenblick kam er auch schon aus seinem Büro.
„Guten Morgen Sandra. Ich hoffe, du hast gestern noch genug Schlaf bekommen, damit wir heute wieder richtig loslegen können.“ Er schenkte ihr ein Lächeln, und Sandra lächelte sofort zurück.
„Ja, danke. Das war schon ein turbulentes Wochenende.“
Tim nickte, lächelte verschmitzt, und schenkte sich Kaffee in seine Ich-bin-hier-der-Boss-Kaffeetasse. Er trank einen Schluck, und deutete auf die Tüte mit den Donuts. „Da ist auch noch anderes Gebäck drinnen. Du scheinst ja keine Donuts zu mögen.“
Sandra sah ihn überrascht an.
„Jetzt schau mich nicht so an. Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich versuche guten Willen zu zeigen. Wir wechseln uns einfach ab mit den Donuts. Morgen bringst du wieder welche mit, und übermorgen wieder ich. Wir sprechen uns weiterhin mit du an, außer es sind wichtige Mandanten da. Dann mit Vornamen aber auch mit sie. Ist das in Ordnung für dich Sandra?“
Sandra nickte wie hypnotisiert, und bekam den Mund nicht auf. Sie konnte gar nicht glauben was hier plötzlich los war. Tim schien ein vollkommen anderer Mensch zu sein. So würde ihr das Arbeiten bestimmt mehr Spaß machen.
„Ja, klar doch. Was gibt es heute Morgen zu tun?“, fragte sie dann auch gleich motiviert und gut gelaunt.
„Am besten fängst du mit dem Abstimmen der Konten an. Später brauche ich dich dann wahrscheinlich in meinem Büro. Frau Hall kommt noch vorbei und die will doch immer eine Mitschrift von den Gesprächen haben. Handschriftlich, nicht per Aufnahme, das wäre ja zu einfach.“ Tim lachte herzhaft.
Sandra nickte, und setzte sich an ihren Tisch. „Ist in Ordnung. Ich muss vorher noch ein paar Briefe aufsetzen.“
Tim ging zurück in sein Büro, und Sandra machte sich an die Arbeit.

Zwei Stunden später kam Frau Hall in die Kanzlei stolziert. Geschminkt wie ein Papagei und mit hoch erhobener Nase, trat sie an Sandras Schreibtisch. Ihr pikierter Blick schrie förmlich nach „Ich bin besser als du“ und ihr aufdringliches, zuckersüßes Parfüm, in dem sie jeden Morgen zu baden schien, löste in Sandra jedes Mal Brechreiz aus.
„Guten Morgen Fräulein Berger. Ich gehe davon aus, dass Dr. Beckmann schon Zeit für mich hat?“
„Guten Morgen Frau Hall“, antwortete Sandra, um ein freundliches Lächeln bemüht, als sie aufsah. „Ich werde ihm gleich sagen, dass sie hier sind. Setzen sie sich doch einen Augenblick. Darf ich ihnen einen Kaffee bringen?“
Frau Hall schüttelte, mit einer missbilligend hochgezogenen Augenbraue, den Kopf. „Nein danke. Ich habe es heute sehr eilig. Deswegen werde ich auch nicht die gesamte Zeit in Anspruch nehmen können. Schreiben sie mich für morgen um die gleiche Zeit noch einmal ein.“
Sandra nickte, denn glücklicherweise war Tim morgen um die gleiche Zeit frei. Dann ging sie zu Tim ins Büro. „Frau Hall ist hier Tim. Sie hat es heute ein wenig eilig, und bittet, dass sie schon etwas eher drangenommen wird. Außerdem möchte sie morgen noch einmal kommen.“
Tim nickte professionell, und legte die Unterlagen zur Seite, in denen er gerade gelesen hatte. „Frau Hall soll bitte gleich hereinkommen Sandra.“
Sandra lächelte, und ging zurück zu Frau Hall. „Sie können hineingehen. Ich komme auch gleich.“
Frau Hall nickte, als hätte sie nichts Anderes erwartet, und ging in Tims Büro. Sandra folgte ihr kurze Zeit später, bewaffnet mit einem Block und einem Kugelschreiber.
Frau Hall ging mit Tim schnell den bevorstehenden Gerichtstermin durch, dann verabschiedete sie sich auch sogleich wieder. Während Tim Frau Hall hinaus begleitete, raffte Sandra ihre Sachen zusammen. Sie würde gleich mit der Abschrift des Protokolls beginnen.

Sandra war fast fertig mit der Abschrift, als das Telefon klingelte. „Kanzlei Dr. Beckmann, Berger am Apparat. Was kann ich für sie tun?“
„Hallo Sandra, ich bin es, Anna.“
Sandra wusste nicht wirklich, ob sie sich freuen sollte, oder nicht. „Hallo, was ist los?“, fragte sie deswegen leise, und da kam auch schon Annas unschuldige Stimme vom anderen Ende.
„Ach nichts, ich wollte nur fragen wie es dir geht?“
Sandra musste grinsen. Sie wusste, dass Anna nur auf die neuesten Neuigkeiten in Sachen Tim aus war. „Mir geht es ganz gut, und dir?“
„Mensch Sandra, stehst du wirklich immer auf dem Schlauch, oder tust du nur so, um meinen Fragen aus dem Weg zu gehen?“
Jetzt musste auch Sandra lachen, denn Anna hatte den Nagel wieder einmal auf den Kopf getroffen. „Ist ja schon gut. Ich weiß zwar immer noch nicht, was ich von dem Kuss halten soll, aber wir sind immer noch per du, und er ist immer noch freundlich zu mir.“ Sandra hatte ihre Stimme automatisch gesenkt, damit Tim sie nicht hören konnte. Das wäre ihr zu peinlich gewesen.
„Das ist doch schon einmal ein guter Anfang“, ließ Anna sich wieder vernehmen. Ihre Stimme klang ein wenig enttäuscht. Scheinbar hatte sie sich mehr erwartet.
„Ja, natürlich. Ich hatte wirklich Angst, dass er wieder so ein Ekelpaket wird wie vorher. Aber das war ja zum Glück nicht so.“
„Wenn du dich damit schon zufrieden gibst“, meinte Anna nur, und Sandra ärgerte sich über ihren schnippischen Tonfall.
„Wie meinst du das? Ich bin wirklich froh, dass er nicht mehr so schrecklich ist. Du musstest ja nicht mit so einem Idioten arbeiten wie ich.“ Die letzten Worte hatte Sandra in ihrer Wut auf Annas Unverständnis ziemlich laut gesagt, und jetzt sah sie erschrocken auf.
Tim Beckmann war unbemerkt an ihren Schreibtisch getreten, und sah sie ein wenig befremdet und auch sehr nachdenklich an. Sandra wurde blass, und hörte gar nicht mehr was Anna sagte. Sie konnte nur Tim nur entsetzt anstarren.
„Sandra?“, konnte sie eine leise Stimme vernehmen, die zu Anna gehörte. „Sandra? Hörst du mir noch zu?“
Tim nahm Sandra den Hörer aus der Hand. „Hallo?“, meldete er sich, ohne Sandra aus den Augen zu lassen.
„Oh oh“, konnte er nur Annas Stimme am anderen Ende hören. „Hallo Anna, Sandra ruft dich nachher zurück.“ Damit legte er einfach auf, und zog sich einen Stuhl an den Schreibtisch. Er sagte nichts, aber er ließ Sandra nicht aus den Augen. Diese rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, weil sie sich sichtlich unwohl in ihrer Haut fühlte. Sie wagte es nicht ihn anzusehen.
Endlich richtete Tim das Wort an sie. „Schau mich an Sandra.“ Seine Stimme klang nicht wütend, aber bestimmt.
Zaghaft sah Sandra hoch. „Ja?“, fragte sie leise. Dann versagte ihre Stimme. Am liebsten hätte sie sich selbst geohrfeigt. Wie hatte das nur passieren können? Und wie sollte sie sich aus dieser Situation herausreden, ohne wieder ein Ekelpaket aus ihm zu machen?
„Du hältst mich also für einen Idioten?“, fragte er, und seine Stimme klang spröde.
Jetzt schüttelte Sandra schnell ihren hochroten Kopf. „Nein, natürlich nicht. Das war gar nicht so gemeint.“ Sie holte tief Luft, um eine weitere Erklärung abzugeben, aber Tim schnitt ihr das Wort mit schneidender Stimme ab.
„Ach ja, es hörte sich aber so an. Wie sollte es sonst gemeint sein?“ Er hatte sich jetzt in Rage geredet, und sprang schwungvoll auf. Unheilvoll ragte er vor ihrem Schreibtisch auf. „Ich dachte, wir verstehen uns besser. Habe ich nicht alles getan, um das angespannte Verhältnis zwischen uns wieder zu beruhigen? Und jetzt muss ich mir anhören, dass sie mich bei ihrer Freundin als Idioten betiteln. Ich habe sie ganz anders eingeschätzt Sandra. Ich kann gar nicht glauben, dass ich mich so in ihnen getäuscht habe.“ Automatisch war er in seinem Zorn wieder zum Sie übergegangen.
Sandra wurde auf ihrem Stuhl immer kleiner. Sie wollte die Situation so gerne richtig stellen, und sich entschuldigen. Doch er ließ ihr gar keine Zeit, um sich zu verteidigen, oder sich zu erklären.
Tim, der inzwischen dazu übergegangen war, hektisch im Zimmer auf und ab zu laufen, blieb jetzt wieder vor ihrem Schreibtisch stehen. Sein Gesicht war ganz, rot, aber immerhin hatte er mit den Schimpftiraden aufgehört. Tief und langsam holte er Luft, und Sandra wusste genau, dass er gerade versuchte, sich zu beruhigen.
„Sie sollten nach Hause gehen Sandra. Ich brauche sie heute nicht mehr.“ Mit diesen Worten wand er sich ab, und ging mit hängenden Schultern zurück in sein Büro.
Sandra sah ihm entgeistert hinterher. Was war da gerade passiert? Wie hatte es so weit kommen können. Kurz überlegte sie, ihm hinterher zu laufen, und alles richtig zu stellen. Er musste ihr einfach zuhören. Aber wie gelähmt blieb sie auf ihrem Stuhl sitzen, und sah zu, wie er in seinem Büro verschwand. Das einzige was ihr über die Lippen kam war ein leises und piepsiges „Bin ich jetzt gefeuert?“.
Aber eine Antwort bekam sie keine. Laut krachte die Tür hinter ihrem Chef ins Schloss.

Sandra packte panisch ihre Sachen in ihre Tasche, kramte mit zittrigen Händen den Autoschlüssel hervor, und verließ fast fluchtartig das Büro.

Mit quietschenden Reifen schoss ihr Auto aus der Einfahrt. Sie war total aufgewühlt, und immer wieder fragte sie sich, wie das nur hatte passieren können.
In kürzester Zeit hatte sie Annas Arbeitsstelle erreicht. Ohne sich um das Parkverbot zu kümmern stellte sie den Wagen ab, und stolperte aus dem Auto heraus. Mit schnellen Schritten hatte sie das Gebäude betreten und eilte zu Annas Büro.
Kurze Zeit später stand sie vor ihrer besten Freundin, die erschrocken zusammenzuckte.
„Sandra? Was machst du denn um die Zeit hier? Ich habe schon die ganze Zeit auf deinen Anruf gewartet. Hat er dich etwa gefeuert?“
Sandra war zu keinem Wort fähig, und zuckte mit den Schultern.
Als Anna sah, dass sie mit den Tränen kämpfte, sprang sie schnell hinter ihrem Schreibtisch auf, nahm ihre Jacke, und zog Sandra am Arm. „Komm, wir gehen.“
An eine Kollegin gewandt murmelte Anna eilig. „Wenn der Alte fragt, hatte ich einen Notfall, okay? Tschüss.“ Schon war Anna zur Tür hinaus, Sandra hinter sich herzerrend.

Anna drückte Sandra in einen Stuhl bei Jimmy’s. Sie hatte sich extra einen ruhigen Tisch im Café ausgesucht, weil sie wusste, dass bei dem schönen Wetter so gut wie niemand drinnen war.
„Also, jetzt erzähl doch endlich was passiert ist.“
Sandra holte tief Luft, und begann mit zittriger Stimme zu erzählen. „Du wirst es nicht glauben, aber Tim stand an meinem Schreibtisch, als ich das mit dem Idioten gesagt habe. Er ist richtig ausgeflippt, weil er dachte, dass ich jetzt immer noch der Meinung bin, dass er ein Idiot ist. Ich bin nicht einmal dazu gekommen die Geschichte richtig zu stellen. Er hat mich nicht zu Wort kommen lassen.“
Anna hörte ihr mit entsetztem Gesichtsausdruck zu. Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte.
Jimmy kam an den Tisch. „Was darf ich den Damen bringen, die hier Schutz vor der Sonne suchen?“ Er war wie immer zu Scherzen aufgelegt, hörte aber sofort auf zu lachen, als er Sandras traurigen und Annas betroffenen Gesichtsausdruck sah. Erschrocken zog er sich einen Stuhl an den Tisch und setzte sich. „Was ist passiert Mädchen?“
Anna schüttelte nur den Kopf, um zu signalisieren, dass sie jetzt nicht darüber reden wollten. „Bring uns bitte das übliche Jimmy.“
Jimmy nickte, und trollte sich davon.
Anna sah Sandra wieder an und drückte ihre Hand. „Vielleicht solltest du es jetzt noch einmal versuchen?“
Sandra sah mit tränenverschleierten Augen auf und blickte ihre Freundin dümmlich an. „Was denn?“
„Mit ihm reden“, sprach Anna ihr liebevoll gut zu. „Er hat sich bestimmt schon wieder beruhigt. So wie ich ihn einschätze tut es ihm inzwischen schon leid, dass er dich so angefahren hat. Versuch es doch einfach.“ Beruhigend tätschelte Anna Sandra die Hand.
Doch diese schüttelte den Kopf. „Er war so wütend, und so verletzt. Ja, er war richtig verletzt.“ Immer mehr Tränen stiegen Sandra in die Augen, und sie schluckte krampfhaft, damit es nicht noch mehr wurden. Sie wollte auf keinen Fall hier mitten im Café in Tränen ausbrechen.
Anna nickte wissend. „Das kann ich mir vorstellen. Aber du hattest in den letzten Tagen genug Zeit, um festzustellen, dass er nicht so schlimm ist, wie du ihn immer gesehen hast. Das hat sich nicht geändert. Erklär es ihm, und er wird es verstehen. Bestimmt.“ Anna drückte ihrer Freundin noch einmal aufmunternd den Arm, aber diese schien gar nicht zugehört zu haben.
„Ich könnte mir nie verzeihen, wenn wir deswegen wieder streiten würden,“ sagte sie mehr zu sich als zu Anna. „Ich mag ihn doch so gerne.“ Dieser Satz war nur noch als Flüstern über ihre Lippen gekommen.
Aber Anna hatte ihn dennoch verstanden. „Ein Grund mehr noch einmal mit ihm zu reden. Bitte, du machst dich doch nur selbst unglücklich, wenn du es nicht tust.“ Annas Stimme war eindringlich.
Sandra sah ihre Freundin traurig an. „Er hat mich einfach Heim geschickt. Und als ich ihn fragte, ob ich gefeuert bin, da hat er nicht einmal geantwortet. Er hat nur mit der Tür geschlagen, und hat sich in seinem Büro verkrochen. Ich kann es ihm nicht einmal übelnehmen. Ich war wirklich scheußlich zu ihm.“
Anna schüttelte bestimmt den Kopf. „So ein Schwachsinn. Er hat etwas falsch verstanden. Das muss sofort aus der Welt geschafft werden. Ich fahre dich zur Kanzlei. Komm.“ Anna war aufgesprungen, und zerrte Sandra energisch hinter sich her.
Jimmy, der gerade ein Tablett auf dem Tisch abstellen wollte, sah ihnen verdutzt hinterher. Aber er konnte den beiden ja nicht einmal böse sein. Sandra hatte sehr traurig ausgeschaut, und das musste erst geklärt werden.

Fortsetzung folgt …

… weiter geht es nächsten Donnerstag!

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