Erstens kommt es anders ... | Fantasie-Reise

Erstens kommt es anders … – Kapitel 12

2. Mai 2019
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Kapitel 12

Sandra starrte am Kanzleigebäude hoch. Sie fühlte sich unfassbar mulmig, und wäre am liebsten davongelaufen. Anna und sie saßen jetzt schon seit einer viertel Stunde vor der Kanzlei, und Sandra konnte sich nicht dazu aufraffen hinauf zu gehen. Anna wusste, wie schwer Sandra dieser Schritt fiel, und deswegen drängte sie ihre Freundin nicht. Aber Sandra wusste auch ohne Annas Worte, dass sie es nicht ewig vor sich herschieben konnte. Irgendwann musste sie schließlich wieder zur Arbeit kommen. Also löste sie langsam ihren Sicherheitsgurt, und machte Anstalten auszusteigen. Etwas hilflos sah sie sich dann nach Anna um. Aber diese schüttelte den Kopf.
„Ich komme nicht mit. Das musst du alleine durchstehen. Aber ich warte hier unten auf dich. Nur Mut, das wird schon wieder.“ Aufmunternd drückte sie Sandras Hand und nickte ermutigend.
Sandra nickte auch, und stieg langsam aus dem Auto aus. Es fiel ihr sehr schwer, einen Fuß vor den anderen zu setzen, aber dann straffte sie ihre Schultern, und machte sich auf den Weg zurück ins Büro.

Oben angekommen musste Sandra zu ihrer Verwunderung feststellen, dass die Eingangstür zur Kanzlei abgeschlossen war. Schnell holte sie den Schlüssel aus ihrer Tasche, und eilte hinein. Sie sah auf ihren Schreibtisch. Mit schnellem Blick konnte sie feststellen, dass der Anrufbeantworter eingeschaltet war. Was hatte das zu bedeuten? Hatte Tim Beckmann einfach seine Termine sausen lassen, und war gegangen? So verantwortungslos war ihr Chef noch nie gewesen. Was mochte das bedeuten?
Doch dann konnte sie leise Stimmen aus Tims Büro hören. Stirnrunzelnd trat sie näher. Ob sie lauschen sollte? Nein, das wäre nicht richtig. An den Stimmen erkannte sie, wer sich im Büro befand. Tim war da, und sein Großvater war auch zu hören. Herr Beckmann Senior musste extra wegen dem Streit gekommen sein, denn heute war nicht sein Besuchstag. Außerdem war er sonst um diese Zeit immer schon wieder weg. Sandra blickte zur Kaffeekanne, und konnte erkennen, dass Tim schon Kaffee für seinen Großvater gekocht hatte. Gerade konnte Sandra Herr Beckmann Senior schimpfen hören.
„Wie konntest du das Mädchen denn gehen lassen? Sie war doch so unglaublich nett, klug und hübsch. Außerdem hat sie immer so guten Kaffee gemacht. Deiner schmeckt wirklich lausig.“
Obwohl Sandra Tims Antwort nicht hören konnte, musste sie lächeln. Herr Beckmann Senior war schon ein Original und sie mochte ihn sehr. Schnell stand sie auf, und ging an die Kaffeemaschine.
Ein paar Minuten später hatte sie heißen, duftenden und dampfenden Kaffee in eine Tasse gegossen. Langsam ging sie auf Tims Büro zu.
Sie war sich noch nicht sicher, ob das so eine gute Idee war. Kurz dachte sie nach, dann flitzte sie schnell wieder an ihren Schreibtisch zurück. Eilig goss noch eine zweite Tasse ein, die für Tim bestimmt war, und langsam, um nichts zu verschütten, ging sie wieder zurück zur Bürotür.
Linkisch klopfte sie an, und öffnete die Tür einen Spalt, gerade weit genug, um ihren Kopf in das Büro zu stecken. Sofort schwiegen die beiden Männer, und starrten Sandra an. Obwohl sie sich unwohl fühlte, betrat sie den Raum, tapste an den Schreibtisch, und stellte die Tassen darauf ab. Mit den anderen Tassen wollte sie sich gerade wieder aus dem Staub machen, als Tims Großvater sich zu Wort meldete.
„Da sind sie ja wieder Sandra. Bin ich froh, dass ich jetzt wieder mit einem zauberhaften Lächeln begrüßt werde und anständigen Kaffee bekomme. Was auch immer Tim mit der Kaffeemaschine gemacht hat, es ist kein Kaffee dabei herausgekommen.“
Tim saß mit hochrotem Kopf hinter seinem Schreibtisch, und sah seinen Großvater vorwurfsvoll an. Dieser schien allerdings gar nicht daran zu denken still den Mund zu halten. Er wollte auch seinen Senf dazu geben.
„Also Sandra, ich bin wirklich froh, dass sie nicht nachtragend sind, und wieder hierhergekommen sind. Sie müssen meinem ungestümen Enkel schon verzeihen. Er benimmt sich manchmal wie ein Elefant im Porzellanladen. Es tut ihm leid, sehr sogar. Aber dem muss man immer mal wieder gehörig den Kopf waschen, damit er wieder zur Vernunft kommt.“
Jetzt unterbrach Tim seinen Großvater hitzig. Die Röte in seinem Gesicht war nun nicht mehr der Peinlichkeit geschuldet, sondern seinem Zorn. „Jetzt mach aber einmal einen Punkt. Schließlich hat sie mich beleidigt. Ich hatte ein Recht wütend zu sein.“
Herr Beckmann Senior winkte ab. „Zügle dich Tim. So spricht man nicht in Gegenwart einer Dame.“
In Tim brodelte es, aber er wollte seinem Großvater nicht mehr widersprechen. Es hatte ohnehin keinen Sinn.
Sandra bekam Mitleid mit Tim, denn schließlich war sie ja nicht unschuldig an diesem Dilemma. „Ganz so ist es ja nicht Herr Beckmann Senior“, setzte Sandra an, und wieder winkte der alte Herr schnell ab.
„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen Kindchen. Ich kenne meinen Enkel.“
Diesmal gab Sandra nicht klein bei. „Ich weiß, aber ich bin tatsächlich nicht ganz unschuldig. Ich habe scheinbar etwas gesagt, was Tim sehr gekränkt hat, und dafür möchte ich mich entschuldigen. Es war wirklich nur ein Missverständnis. Was ich gesagt habe, war auf die Zeit bezogen, bevor wir uns ausgesprochen hatten. Wirklich Tim, das musst du mir glauben.“
Doch noch bevor Tim antworten konnte, hatte sich sein Großvater auch schon wieder zu Wort gemeldet. „Ach sie meinen, als sie meinen Enkel als Idioten betitelt haben? Machen sie sich nichts daraus Sandra. Manchmal ist er ja auch einer.“
Jetzt sprang Tim auf. Kurz atmete er durch, um nicht schon wieder im Zorn herum zu schimpfen und äußerte mit ruhiger Stimme: „Sag mal Großvater, wie kannst du vor meiner Mitarbeiterin so über mich sprechen. Das ist nicht besonders anständig von dir.“
Jetzt sah Herr Beckmann Senior betreten auf seine Schuhspitzen. „Stimmt Junge, entschuldige bitte. Das war nicht nett von mir. Aber ebenso wenig ist es richtig, Sandra jetzt noch böse zu sein. Sie hat sich entschuldigt. Und jeder Blinde kann sehen, dass es ihr wirklich leidtut.“
Nachdenklich sah Tim zu Sandra, die immer noch ziemlich unschlüssig mit zwei Tassen in der Hand an der Tür stand. „Hast ja recht Großvater. Und dir Sandra, bin ich auch gar nicht böse. Bin es auch nie gewesen. Ich war einfach nur gekränkt, als ich das hörte, und da habe ich wohl überreagiert. Es tut mir leid.“
Sandra schien ein Stein vom Herzen gefallen zu sein, denn jetzt begann sie zu strahlen. Lächelnd antwortete sie: „Dann ist ja alles wieder gut. Ich lasse die Herren dann einmal alleine.“ Erleichtert verließ sie das Büro, und schloss die Tür wieder hinter sich. Schnell stellte sie die Tassen in die Spüle, schnappte sich ihre Jacke verließ das Büro. Mit schnellen Schritten rannte sie zu Anna hinunter.
Diese saß gelangweilt hinter dem Steuer ihres Wagens, und schien immer noch zu warten. Als Sandra plötzlich aufgeregt gegen die Scheibe klopfte, schrak sie sichtlich zusammen. „Sag mal spinnst du?“, schimpfte Anna dann auch schon los, als sie Sandra die Tür öffnete. „Soll ich einen Herzinfarkt bekommen oder was?“
Sandra lachte nur, und Anna konnte sehen, dass der Kummer vorbei war. Das entschädigte sie für den Schock, den sie soeben erleiden musste.
„Alles wieder in Ordnung“, strahlte Sandra ihre Freundin an, und fiel ihr um den Hals.
Diese musste lachen, denn Sandras Gesicht hatte sich in der kurzen Zeit total verändert. So gefiel ihr ihre Freundin bedeutend besser. „Na dann, werde ich mal wieder zurück zu meiner Arbeit fahren, und hoffen, dass mir der Alte nicht den Kopf abreißt. Und du gehst auch brav wieder an die Arbeit, und merkst dir für das nächste Mal, dass du dich erst umsiehst bevor du über jemanden lästerst.“
Sandra stieg lachend aus dem Auto aus, und eilte wieder zu ihrem Schreibtisch zurück. Es war einiges an Arbeit liegen geblieben, und das wollte sie aufholen.

„Da sind sie ja Sandra. Ich dachte schon, sie wären wieder getürmt.“ Zwinkernd stellte Herr Beckmann Senior seine leere Kaffeetasse auf Sandras Schreibtisch, und verabschiedete sich lächelnd. „Ich wünsche ihnen einen wunderschönen Tag Sandra. Lassen sie sich ja von meinem Tim nicht ärgern. Er ist manchmal so hitzköpfig, aber er hat das Herz am rechten Fleck.“
Sandra lachte herzhaft auf. „Ja Herr Beckmann, ich werde mir nichts gefallen lassen.“ Sandra zwinkerte spitzbübisch zurück.
Als Tims Großvater die Kanzlei verlassen hatte, standen Sandra und Tim sich etwas befangen gegenüber. Während Tim sehr betreten das Muster des Teppichs studierte, knetete Sandra ihre Finger.
Sie holte gerade Luft, um etwas zu sagen, doch Tim kam ihr zuvor. „Es tut mir wirklich leid Sandra. Ich wollte dich nicht so anfahren. Das war nicht richtig. Ich hätte dich zuerst anhören müssen.“
„Mir tut es auch leid. Ich hätte es gleich richtigstellen sollen. Ich werde mir in Zukunft solche Kommentare verkneifen.“ Sandra nickte bekräftigend, und wagte ein zaghaftes Lächeln.
Tim grinste erleichtert. „Tja, ich muss mich vor unserer Aussprache wirklich wie ein Idiot aufgeführt haben. Wie kann ich das nur wieder gut machen?“ Kurz dachte er nach. „Ich weiß schon. Ich lade dich heute Abend zum Essen ein. Bist du einverstanden?“
Sandra wirkte verlegen und bekam rote Wangen. „Aber das ist doch gar nicht nötig.“
Tim ließ das allerdings nicht gelten und antwortete mit fester Widersprich-mir-nicht-Stimme: „Und wie das nötig ist. Außerdem will ich das wirklich. Ich hole dich heute Abend so gegen acht Uhr ab. Ist das in Ordnung?“ Hoffnungsvoll sah er Sandra an und setzte sein liebstes Lausbuben-Lächeln auf.
Sandra nickte und lächelte erleichtert auf, dann setzte sie sich wieder hinter ihren Schreibtisch. Sie musste sich ziemlich beeilen mit ihrer Arbeit, denn sie wollte heute Abend pünktlich die Kanzlei verlassen. Sandra freute sich wie eine Schneekönigin auf den Abend.

Fortsetzung folgt …

… weiter geht es nächsten Donnerstag!

Alles Liebe
Deine Lisbeth
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