Fantasie-Reise | Kurzgeschichten

Technik und andere Schwierigkeiten

20. Juni 2019
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Stichworte:
Computer, Kerzenschein, Tasse, Musik und Geständnis
Danke liebe Claudia, für Deine Stichworte

Miriam saß am Computer und schüttelte die Tastatur. Genervt knallte sie das alte Ding auf den Schreibtisch zurück. „Doch nicht jetzt!“, schrie sie laut und fluchte hinterher. „Nicht mitten im Endkampf!“
Nach ihrem Wutausbruch lauschte sie in ihren Kopfhörer. Sie war per Sprachchat mit den anderen Spielern verbunden, und diese Fluchten nun auch. Alle hatten ihr Charakter-Leben verloren, weil der Heiler ausgefallen war, und zwar Miriams Charakter.
„Tut mir Leid Leute. Meine Tastatur ist schon wieder ausgefallen. Ich hole mir morgen eine Neue, versprochen. Ich bin raus für heute.“ Sie lauschte noch den Antworten der anderen, dann nahm sie ihren Kopfhörer ab und warf ihn auf den Schreibtisch.
„So ein Mist, als ob ich das Geld für eine neue Gaming-Tastatur hätte.“ Weiter vor sich hin murrend und knurrend ging sie schlafen.

Früh am Morgen machte Miriam sich auf den Weg in den Elektro-Fachhandel. Sie wollte noch vor der Arbeit eine neue Tastatur ergattern. Notfalls musste der Kühlschrank halt den Rest der Woche leer bleiben, aber sie brauchte das Teil.
Eilenden Schrittes sprang sie in den riesigen Laden hinein und suchte zielsicher die Computer-Abteilung auf. Kurz darauf hatte sie die Tastaturen gefunden und begutachtete eine nach der anderen. Vor einem besonders großen Teil blieb sie stehen. Diese Tastatur war der Traum eines jeden Gamers. Sie hatte über fünfzig zusätzliche Knöpfe, von denen Dreißig programmierbar waren. Darauf wollte sie schon eine Weile sparen, aber es war immer etwas dazwischengekommen. Neue Autoreifen, ein kaputter Kühlschrank, und eine neue Waschmaschine. Sie hatte das Geld für dieses Wunderteil einfach nicht übrig. Murrend zog sie weiter, und blieb vor einer gewöhnlichen Nullachtfünfzehn-Tastatur stehen. Wenn sie diese nahm, würde sie nicht verhungern müssen, weil kein Geld mehr für Lebensmittel übrig war.
Leise vor sich hin fluchend trippelte sie wieder zurück zu ihrem Tastatur-Traum.
„Nimmst du die? Oder kann ich die haben?“, wurde sie plötzlich von hinten angesprochen. Miriam fuhr herum.
„Was?“, fragte sie verwirrt, und sah dem jungen Mann vor sich dümmlich in die Augen.
„Die Tastatur hinter dir. Ich brauche sie wirklich dingend und würde sie gerne kaufen. Du warst aber vor mir da. Also, nimmst du sie? Oder kann ich sie haben?“
Der eifrige Verkäufer, der die beiden schon erspäht hatte, kam angerannt und begann zu reden wie ein Wasserfall. „Diese Tastatur ist ein wahres Schnäppchen. Sie ist bereits vergriffen und wir haben nur noch diese eine, das Ausstellungsstück. Es wird eine ziemliche Weile dauern, bis wir sie wieder nachbestellen können.“ Er freute sich, weil er Wissen an den Mann gebracht hatte, und sah nun hoffnungsvoll zwischen den beiden hin und her.
Miriam sah wehmütig auf die Tastatur. Sollte sie ihr Konto wirklich noch weiter überziehen? Der Kühlschrank war auch schon ziemlich leer, und sie hatte noch zwei Wochen bis zum nächsten Lohn. Mit hängendem Kopf trat sie einen Schritt zurück.
„Ähm, nein danke, aber ich kann sie mir gerade nicht leisten. Ich muss dann wohl warten, bis sie wieder zu haben ist.“ Dann machte sie sich aus dem Staub.

Nach der Arbeit kam Miriam müde nach Hause. Ein kurzer Blick in den Kühlschrank verriet ihr, dass sie vergessen hatte, nach der Arbeit einkaufen zu gehen. Aus dem Brotkorb nahm sie die letzte Trockene Scheibe Brot und legte die letzte Scheibe Käse darauf, die schon ein wenig komisch roch. Langsam schlurfte sie zu ihrem Computer und schaltete ihn an. Sie wollte gerade ihr Passwort eingeben, als ihr bewusstwurde, dass sie keine neue Tastatur gekauft hatte. Sie hatte heute Morgen nämlich auch nicht die billige Nullachtfünfzehn-Tastatur mitgenommen, so schnell war sie aus dem Elektro-Laden geflohen.
„Scheiße!“, fluchte sie laut auf. „Oh Mann, bin ich bekloppt!“
Weiter fluchend und schimpfend eilte sie zu ihrer Tasche und suchte nach ihrem Handy. Glücklicherweise hatte sie ein paar Telefonnummern ihrer Mitspieler gespeichert. Sie würde den heutigen Raid absagen müssen.
Miriam probierte eine Nummer nach der anderen aus, aber sie schienen alle schon Online zu sein, und ihre Handys zu ignorieren. Sie wählte gerade die letzte Nummer an und hoffte, dass Julian dranging.
„Komm schon Jul, geh ran. Komm schon.“
Es klickte in der Leitung, und die angenehme, dunkle Stimme ihres heimlichen Schwarms Julian meldete sich. „Hallo? Julian Müller am Apparat.“
Miriam schluckte ihr dämliches Grinsen herunter, das sie immer trug, wenn sie ihn hörte. „Hey Jul, ich bin es, Miriam. Ich kann heut leider nicht online kommen. Du weißt schon, das Tastatur-Problem.“ Miriam hatte leise gesprochen, weil es ihr peinlich war, dass sie sich immer noch nicht darum gekümmert hatte, obwohl ihr Tastatur schon seit vier Wochen regelmäßig ausfiel.
„Kein Problem Miriam. Du, ich habe letztens, als ich die ganzen Adressen, die ihr im Forum gepostet habt, durchgegangen bin, festgestellt, dass du in der gleichen Stadt wohnst wie ich. Wenn du also nicht selbst spielen kannst, dann hast du vielleicht Lust vorbeizukommen, und dennoch dabei zu sein.“
Miriam starrte das Handy mit offenem Mund an. Julian wohnte in ihrer Nähe? Und hatte er sie eben gerade zu sich nach Hause eingeladen?
„Miriam? Bist du noch dran? Du das war nur ein nett gemeintes Angebot. Du darfst selbstverständlich auch „nein“ sagen, wenn du nicht magst.“ Seine Stimme klang enttäuscht, und Miriam befahl ihrer Stimme, auch zu klingen, egal wie.
„Ich ähm“, flüsterte sie, und räusperte sich fast schon verärgert, über ihr dummes Benehmen. „Also, ich habe noch nichts vor, und würde gerne mal vorbeikommen und schauen, wie du so spielst.“ Miriam biss sich auf die Zunge. Wie konnte sie nur so einen Blödsinn von sich geben?“
„Super, magst du dir die Adresse notieren?“ Er schien sich wirklich zu freuen.
„Ähm ja, warte“, murmelte sie und schnappte sich einen Stift und einen Schmierzettel vom Schreibtisch. Dann notierte sie Julians Adresse.
„Das ist gar nicht weit weg. Ich bin in einer viertel Stunde da.“, rief sie erfreut ins Telefon, und noch bevor er antworten konnte, hatte sie schon aufgelegt. Eilig schnappte sie sich ihren Schlüssel, und wollte gerade zur Türe hinaus, da fiel ihr ein, dass sie immer noch ihre Arbeitsklamotten trug. So konnte sie unmöglich zu Julian gehen.

Es war schon fast eine viertel Stunde vorbei, als sie endlich etwas aus ihrem Schrank zerrte, was ihr zu gefallen schien. Sie streifte sich das Shirt und den Rock über, kämmte noch einmal ihr Haar und verließ schnellstens ihre Wohnung. Sie würde zu spät kommen und das behagte ihr gar nicht. Sie wollte sich lieber von ihrer besten Seite zeigen, denn immerhin mochte sie ihn sehr, obwohl sie kaum etwas von ihm wusste, auch nicht wie er aussah.

Miriam wurde auf dem Weg zu Julian zweimal geblitzt. Aber das war ihr egal. Sie wollte nur so viel zu spät kommen, wie es unbedingt sein musste. Jetzt stand sie nervös vor dem Wohnhaus und suchte die Klingelschilder ab. Müller, da war es. Miriam schluckte, und drückte dann mutig auf den Klingelknopf.
„Hey Miriam, fünfter Stock, Lift ist ganz hinten im Flur.“ Und schon ertönte der Türsummer. Miriam drückte die Tür auf und rannte den Flur entlang. Vor dem Lift bremste sie sich ein. Julian würde sie sonst für total bekloppt halten.
Die Fahrt in den fünften Stock dauerte ihr viel zu lange, und ging gleichzeitig viel zu schnell. Sie wollte ihn so gerne endlich sehen und kennenlernen, aber sie bekam richtig Panik. Was wenn er sie gar nicht mochte?
Die Fahrstuhltür glitt auf, und jemand stand davor. „Hey Miri…“, begann er freundlich, dann bekam er große Augen.
„Du?“, fragten sie beide gleichzeitig und sehr überrascht.
Julian war der junge Mann, der am Morgen im Elektro-Fachhandel die letzte Super-Duper-Gaming-Tastatur gekauft hatte.
„Ähm, ich wusste nicht, dass du das bist Miriam“, murmelte er entschuldigend. „Ich wollte dir nicht die letzte Gaming-Tastatur wegschnappen. Kannst du meinetwegen heute nicht zocken? Das tut mir echt leid.“
Miriam schüttelte den Kopf. „Nein, mach dir keine Gedanken. Ich hätte sie mir ohnehin nicht leisten können. Du weißt schon, meine technischen Geräte haben sich letzten Monat alle gegen mich verschworen.“ Sie lachte verlegen auf, und er nickte.
„Ja, ich erinnere mich. Komm schon, die anderen warten schon auf dich.“
Miriam lächelte. „Klar, lass uns loslegen.“

Als Miriam die Wohnung betrat, brannten im Flur mehrere Kerzen. Überrascht sah sie sich um. „Hast du die Stromrechnung nicht bezahlt?“, fragte sie neckisch, aber schüttelte den Kopf.
„Nein du Quatschkopf. Ich finde das gut so,“ stammelte er verlegen und schob sie weiter den Flur entlang in die Wohnstube. Auch dort brannten Kerzen. Es sah sehr romantisch aus. Miriam sah Julian überrascht an, sagte aber nicht. Sie würde sich da jetzt nicht hinein steigern. Vielleicht war er ja einfach von Hausaus der Kerzentyp, und hatte keine romantischen Hintergedanken.
Leise Musik lief im Hintergrund, langsam und romantisch. Wieder sah Miriam Julian an, aber dieser wich ihrem Blick aus.
„Hab ich dich gerade gestört? Hattest du Besuch?“, fragte sie dann leise.
„Was? Nein, natürlich nicht.“ Er sah sie kopfschüttelnd und erschrocken an. „Nein, wirklich nicht.“
Julian wechselte das Thema. „Möchtest du etwas trinken? Ich habe Tee gekocht. Du hattest im Sprachchat erwähnt, dass du abends gerne Tee trinkst und Pfefferminz deine Lieblingssorte ist.“ Er sah sie verlegen an.
„Das weißt du noch? Das ist ewig her.“ Miriam war wirklich überrascht.
Er nickte und verschwand in der Küche. Kurze Zeit später kam er mit einer Tasse zurück und drückte sie ihr in die Hand. „Bitteschön.“
Miriam nahm die Tasse dankbar entgegen. Nun hatte sie etwas, woran sie sich festhalten konnte.
„Sind die anderen schon online?“, fragte sie lächelnd, und nahm einen Schluck Tee.
„Ja wir sind daaa!“, hallte es auch schon durch die Boxen am PC zu ihr herüber.
„Hey, ihr könnt mich hören?“ Miriam lachte.
„Jaaa, wir warten doch schon alle auf dich. Julian hat da was Tolles auf die Beine gestellt.“
Miriam sah Julian fragend an. „Wovon sprechen sie da?“
„Ja also,“ murmelte Julian, und bekam einen roten Kopf. „Also … nachdem du gestern schon wieder wegen deiner Tastatur aus dem Spiel geflogen bist, haben wir uns noch unterhalten. Wir wissen ja alle, dass du die letzten Wochen richtig Pech hattest, und einige finanzielle Einbußen hattest. Und da uns unsere Heilerin wichtig ist, und wir ohne sie nicht leben, beziehungsweise überleben können …“, leises Lachen drang aus den Boxen zu den beiden herüber. „… haben wir zusammengelegt, und dir eine neue Tastatur gekauft. Du hast ohnehin bald Geburtstag. Sieh es als Geschenk.“
Julian deutete auf den Wohnzimmertisch, auf dem ein eingepacktes Geschenk lag. Das war Miriam vorher noch gar nicht aufgefallen.
„Waaas?“, fragte sie leise, als könne sie gar nicht glauben, was Julian eben gesagt hatte.
„Komm Schätzchen, schnapp dir schon die Tastatur, wir brauchen dich,“ drang es mehrstimmig aus den Boxen zu ihr durch.
„Oh meine Güte, das kann ich gar nicht annehmen“, flüsterte sie, den Tränen nahe.
„Doch du musst, wie gesagt, es geht hier ums nackte Überleben“, kam es wieder aus den Boxen.
„Wie seid ihr nur auf die Idee gekommen, ihr geliebten Verrückten?“
„Julian hat das eingefädelt“, kam die Antwort, und Julian wurde feuerrot.
„Hey, nein, das war ein Gemeinschaftsprojekt“, wiegelte er ab.
„Ach komm schon Julian, kannst ruhig zugeben, dass das auf deinem Mist gewachsen ist. Außerdem, hast du nicht noch ein Geständnis zu machen?“, flachste jemand, dessen Stimme Miriam gerade nicht zuordnen konnte. Aber das hatte auch im Moment keine Priorität.
“Was denn beichten?“, fragte sie piepsig, und sah Julian fragend an.
Dieser ging mit entschlossenen Schritten auf den PC zu. „So ihr Lieben, ihr habt genug Schaden angerichtet. ich stöpsele euch dann mal aus für heute. Viel Spaß und fröhliches Sterben.“
Damit schloss er schnell das Spiel, und drehte sich zu Miriam um.
„Welches Geständnis?“, fragte Miriam wieder.
Julian druckste herum. „Ja also, wir spielen ja nun schon eine Weile miteinander. So etwa fünf Jahre?“
Miriam nickte. „Ja, fast fünf Jahre.“ Ihre Stimme war kaum zu hören.
„Weißt du, ich mag dich“, platzte Julian plötzlich heraus.
„Was?“
„Ich mag dich.“ Mit gesenktem Kopf starrte er auf seine Fußspitzen.
„Oh, Gott sei Dank“, rief Miriam erleichtert und Julian sah auf. „Ich mag dich nämlich auch, und zwar schon eine ganze Weile.“
Julian strahlte sie erleichtert an, und streckte ihr einladend seine Hand entgegen. Miriam ging auf ihn zu, und ließ sich von ihm aufs Sofa ziehen.

Alles Liebe
Deine Lisbeth
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© 2019 – Lisbeth A. Kießling – www.lieblingsleseecke.com

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  1. Ja das macht nachdenklich, 5 Jahre virtuell leben,sich in Avatars verwandeln.. schreckliche Zeit finde ich..erst heute Mal bewusst darauf geachtet,dass alle nur noch in ihr Smartphone schauen..bei Sonnenschein …auch wenn die Geschichte irgendwie hier niedlich endet..in der Realität wohl kaum so…Danke Lissi ♥️

    1. Liebe Wiebke,

      danke für deinen Kommi. Du hast vollkommen recht. Schrecklich, wie alle nur noch aufs Handy starren, ja sogar beim Gemeinsamen Kuchen im Kaffee, starrt jeder auf sein Handy.
      Ich persönlich empfinde es als sehr unhöflich und respektlos, wenn mein Gesprächspartner dauernd auf einen Display starrt.
      Aber, das ist wohl die heutige Zeit. Ich bin froh, dass ich in einer anderen Zeit aufwachsen durfte.

      Liebe Grüße
      Lisbeth

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