Fantasie-Reise | Kurzgeschichten

Ein Schloss, ein Geist und andere Schwierigkeiten

11. Juli 2019
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Stichworte: Schloss, Moor, junge Frau, Glück und Geheimnis
Danke liebe Angela, für Deine interessanten Stichworte!

Marie fuhr gelassen die Küstenstraße entlang. Die Sonne brannte vom strahlend blauen Himmel, das Cabrio-Dach war offen und der Wind wirbelte ihre langen dunkelbraunen Haare durch die Luft.
Irlandurlaub! So lange hatte die junge Frau auf diesen Traum gespart.
Links neben ihr fielen die Klippen steil ins kalte Wasser des Atlantik. Sie war hier nun schon seit drei Tagen unterwegs. Die Umgebung war atemberaubend!
Abends kehrte Marie in kleine Gasthöfe ein, um sich zu stärken, und die Nacht dort zu verbringen. Ganz früh schon am nächsten Morgen, brach sie dann wieder auf.
Heute würde Marie allerdings die Küstenstraße verlassen. Sie hatte genug von der Weite des Ozeans, und wollte endlich mehr vom Landesinneren sehen. Als leidenschaftliche Leserin diverser Heftromane, in denen es immer um ein Schloss, ein Geheimnis und oftmals auch ein gruseliges Moor geht, wollte Marie nun endlich selbst Teil einer solchen Geschichte werden. Naja, mit Geheimnis gerne, aber ohne Grusel wäre wünschenswert.
Aus diesem Grund hatte Marie auch mehrere Schlossbesichtigungen gebucht. Nun war sie unterwegs zum ersten Schloss. Sie würde es abends erreichen, und eine Nacht darin verbringen. Laut mehrerer Rezensionen im Internet, gab es hier sogar einen hauseigenen Geist, die weiße Lady. Davon war auf der Buchungsseite des Schlosses gar nichts zu lesen gewesen.
Marie kicherte in sich hinein, während sie ihren Wagen durch die grüne Hügellandschaft lenkte.
„Natürlich … einen Hausgeist … und soooo klassisch … die weiße Frau,“ lamentierte Marie vor sich hin. „Naja, ich bin gespannt. Sollte es ein Geheimnis geben, werde ich es sicher lösen.“

Marie hatte für die Fahrt länger gebraucht als geplant. Es war schon dunkel, und Nebel waberte über der Landschaft. Die Sicht war denkbar schlecht, und Marie befürchtete, sich verfahren zu haben.
Doch da entdeckte sie das Ortsschild „Blue Moor“. Marie hatte gelesen, dass die Stadt nach dem Moor benannt wurde, das sich dahinter erstreckte, und bis zum Schloss „Blue Moor Castle“ reichte, und nach dem Nebel, der hier aus einem unerfindlichen Grund eine bläuliche Färbung hatte.
Dreimal übersah Marie das marode Holzschild, das die Straße zum Schloss aufzeigte. Erleichtert und mit den Nerven am Ende, gab Marie Gas und fuhr die geschlängelte Straße entlang. Rechts und links erstreckte sich das kahle und düstere Moor, und der berühmte blaue Nebel waberte dicht und nahm Marie jede Sicht. Glücklicherweise war die Straße … naja, der Weg … zu beiden Seiten von Leitplanken gesäumt. Marie hatte gelesen, dass es hier schon sehr viele verhängnisvolle Unfälle gegeben hatte. Und was das Moor einmal verschluckte, das gab es auch nicht wieder her.

Endlich erreichte Marie das Schloss. Mit zittrigen Knien stieg sie aus ihrem Mietwagen aus und lehnte sich erst einmal dagegen. Tief atmete sie ein und versuchte, sich zu beruhigen. Die ganze Umgebung und die Sucherei hatten sie doch mehr in Angst und Aufregung versetzt, als sie sich hätte ausmalen können.
Doch dann straffte Marie ihre Schultern und holte ihre Reisetasche aus dem Auto und schloss das Verdeck. Dann stieg sie die große steinerne Treppe zum Portal hinauf.
Nirgends war eine Klingel zu sehen, weswegen sie den wuchtigen Messing-Türklopfer in Form eines Bärenkopfes betätigte. Der schwere Ring schwang im Bärenmaul hervor und krachte gegen die massive Holztür. Der Schlag ließ alles erzittern, und Marie erschrak sichtlich.
„Oh mein Gott, was habe ich getan? Wieso habe ich den Ring so schwer gegen die Tür knallen lassen?“ Marie lauschte den Schritten hinter der Tür. Ein älterer Mann in einer schwarzen Livree öffnete ihr und ließ sie eintreten.
„Ein Butler,“ dachte sie sich und musste sich ein Kichern verkneifen, „das ist so Klischee.“
„Mylady Marie, mein Name ist Frederic, ich hoffe sie hatten eine gute Reise.“ Bei diesen Worten verneigte er sich leicht. Dann nahm er ihr ohne Worte die Reisetasche aus der Hand.
„Ja, danke der Nachfrage Frederic. Die Reise war schön. Hier hätte ich mich fast verfahren, aber es ist ja alles gut gegangen.“ Marie sah sich um, während sie dem Butler, der für sein Alter erstaunlich schnell lief, hinterhereilte.
„Sehr erfreut das zu hören Mylady. Ich zeige ihnen nun ihr Schlafgemach. Dort können sie sich frisch machen. Die Herrschaften haben mit dem Abendessen auf sie gewartet. Ich hole sie in zehn Minuten ab.“ Frederic öffnete eine Tür, brachte die Reisetasche hinein und stellte sie neben dem Bett ab, verneigte sich wieder freundlich und ließ Marie alleine.
Marie holte ihre Waschsachen aus der Tasche und eilte ins Badezimmer. Wenn die Herrschaften, also vermutlich die Familie Collins, die glücklichen Schlossbesitzer, extra auf sie warteten, dann wollte sie auch nicht länger brauchen als unbedingt nötig. Eilig machte sie sich frisch, und schlüpfte in ein leichtes, hübsches Kleid, das einem herrschaftlichen Abendessen hoffentlich würdig war.
Kurz darauf klopfte es an der Tür, und Marie eilte mit Frederic in das Speisezimmer.

„Wow,“ entfuhr es Marie. Die Familie hatte sich richtig in Schale geworfen, und um einen wunderschönen und prunkvollen Tisch versammelt. Das Porzellan sah sehr teuer aus, das Besteck schien aus echtem Silber zu sein, und war in Massen vorhanden.
„Mist, ich hätte mich noch schlau lesen sollen, wofür die vielen Messer und Gabeln und Löffel an einer solchen Tafel eigentlich da sind,“ dachte Marie entsetzt. Sie war sich jetzt schon sicher, dass sie sich richtig blamieren würde.
Frederic führte Marie an den einzigen leeren Stuhl am Tisch, stellte Marie kurz seinen Herrschaften vor, rückte ihr den Stuhl zurecht und eilte davon um das Essen zu servieren.
„Ha-hallo“, begrüßte Marie alle Anwesenden. Sie war peinlich berührt, weil alle sie anstarrten. Die Menschen um sich herum, das düstere Ambiente und der Nebel, den sie durch die hohen Fenster sehen konnte, sorgten dafür, dass sie sich etwas unwohl fühlte. Ein leichter, aber eiskalter Luftzug erfasste sie, und ließ die Kerzen aufflackern. Erschrocken sah Marie sich um. Frederic war durch eine Seitentür, die Marie noch gar nicht bemerkt hatte, hereingekommen. Gemeinsam mit einem Dienstmädchen, das ganz klassische eine schwarz-weiße Uniform trug, mit Häubchen und Schürze, servierte er das Essen.
Außer der mageren Begrüßung beim Hereinkommen, sprach niemand mit ihr. Niemand fragte etwas, niemand sagte etwas, niemand erklärte etwas. Das Essen lief total schweigsam ab.
Marie fühlte sich immer unwohler. Verunsichert sah sie auf die lecker duftende Suppe vor sich und auf das viele Besteck rund um ihren Teller. Zum Glück war nur ein Suppenlöffel da. Zögernd griff sie danach.
Die alte Frau neben Marie beugte sich zu ihr hinüber und flüsterte ganz leise: „Von außen nach innen Schätzchen. Dann kannst du nichts falsch machen.“ Lächelnd zwinkerte sie Marie zu, und widmete sich wieder ihrem eigenen Essen.
Ein Gang nach dem anderen wurde aufgetragen, und Marie hielt sich an die Regel der älteren Frau. Das klappte ganz gut. Aber dieses Schweigen am Tisch machte sie ganz fertig. Glücklicherweise würde sie morgen schon wieder abreisen, zum nächsten Schloss.

Nach dem Abendmahl zogen sich alle schnell zurück. Mehr als das eine oder anderen unterkühlte „Gute Nachtruhe“ bekam Marie nicht zu hören. Sie war maßlos enttäuscht. Hatte sie doch gehofft, dass sie mehr über das Schloss und die weiße Lady erfahren könnte.
Doch Frederic, die gute Seele, war für sie da. „Mylady, soll ich sie in ihr Schlafgemach bringen, oder wollen sie das Schloss besichtigen?“
Erleichtert nickte Marie. „Danke Frederic. Gerne würde ich noch etwas vom Schloss sehen. Vielleicht haben sie ja noch ein paar Geschichten und Informationen für mich.“ Verschwörerisch zwinkerte Marie ihm zu, was sie natürlich sofort bereute.
„Aber gewiss Mylady. Folgen sie mir.“ Frederic führte Marie kreuz und quer durch das ganze Anwesen und erzählte ihr viel über die Architektur und die Vorbesitzer, die allesamt natürlich von hohem Adel waren. Marie war auch sehr interessiert, aber natürlich lauerte sie auf Informationen über die weiße Lady.
Es war schon nach elf Uhr abends, als Frederic und Marie wieder im Eingangsbereich angekommen waren.
„Ich hoffe, die Führung war zu ihrer vollsten Zufriedenheit Mylady. Falls sie noch Fragen haben, dann wäre jetzt ein guter Zeitpunkt.“
Marie nickte begeistert. „Oh ja, das Schloss ist wundervoll und in einem erstaunlichen guten Zustand. Wunderschön“, schwärmte Marie, „aber eine Frage hätte ich schon noch, wenn es gestattet ist. Ich würde so gerne etwas über die weiße Lady hören.“ Marie hoffte, dem Butler ein paar Informationen entlocken zu können. Doch ihre Hoffnung schwand, als dieser ganz blass wurde, und sich mehrmals bekreuzigte.
„Es gibt hier keine weiße Lady“, murmelte er schnell, „woher haben sie denn nur diesen Unsinn?“
Marie runzelte die Stirn, weil sie Frederic nicht glaubte. Dieser sah sich um, so als fühle er sich nicht mehr wohl. „Mylady“, wand er dann das Wort an Marie, „ich bringe sie nun in ihr Schlafgemach.“
Frederic schritt weit aus und eilte die Treppe hinauf. Marie hatte Mühe, ihm hinterher zu kommen. Auch wenn es ihr unter den Nägeln brannte, sie wagte es nicht, noch einmal nach der weißen Lady zu fragen.
Vor Maries Zimmertür blieb er stehen. „Halten sie die Tür nachts geschlossen Mylady. Ich wünsche ihnen eine erholsame Nachtruhe.“ Mit diesen Worten wollte er sich abwenden, aber Marie hielt ihn zurück.
„Frederic“, begann sie mit gerunzelter Stirn. Sie fühlte sich nun ganz und gar nicht mehr wohl in ihrer Haut. „Frederic, warum soll ich nachts die Tür geschlossen halten?“
Frederic sah sich gehetzt um. „Nun Mylady, weil es zugig ist hier im Schloss. Ich möchte nicht, dass sie sich verkühlen. Bitte lassen sie ihre Tür nachts geschlossen.“ Frederic sah sie noch einmal eindringlich an, bevor er sich abwand und in der Dunkelheit verschwand.

Marie riss ihre Zimmertür auf, sprang hinein und schloss die Tür eilig hinter sich. Ihr Herz klopfte schnell. Sie hatte Angst. Zitternd schob sie den Riegel vor, der sich an der Tür befand und ging langsam rückwärts von der Tür weg, bis sie an das Bett stieß. Marie ließ sich darauf plumpsen und seufzte. Wo war sie da nur hingeraten?
„Jetzt reiß dich mal zusammen“, schimpfte sie sich selbst. „Hier leben so viele Menschen. Und sie alle leben noch. Was kann dir schon passieren?“ Langsam beruhigte sie sich wieder, ging ins Badezimmer, duschte sich und schlüpfte in eine bequeme Hose und ein Shirt. Innerlich nur noch leicht aufgewühlt ließ sie sich ins Bett fallen. Sie würde sich gleich schlafen legen, damit sie morgen ganz früh abreisen konnte. Das war alles gar nicht so, wie sie sich das vorgestellt hatte.
Marie machte es sich im Bett gemütlich und kuschelte sich in die Decke. Sie traute sich nicht, das Nachtlicht auszuschalten. Müde schloss sie die Augen und glitt recht schnell in einen leichten aber unruhigen Schlaf.

Maries wenig erholsamer und leichter Schlaf dauerte nicht lange an. Sie wurde kurze Zeit später von einem Geräusch aus dem Schlaf gerissen. Panisch schrak sie hoch und versuchte sich zu orientieren. Das Nachtlicht war aus. Warum war das Nachtlicht aus? Sie hatte es doch brennen lassen, oder etwa nicht?
Verwirrt tastete sie auf dem Nachttisch nach dem Schalter der Lampe. Das Licht flammte auf. Schnell beruhigte sich die junge Frau wieder.
„Tja, du wolltest doch Geheimnisse und Abenteuer. Das hast du jetzt davon“, sprach sie mit sich selbst und legte sich wieder hin. An Schlaf war nun allerdings gar nicht mehr zu denken.
Maries Sinne waren hellwach und sie lauschte nach Geräuschen. Immer wieder hörte sie etwas, was sie zu Tode erschreckte. Aber in so einem alten Schloss gab es nun einmal Geräusche. Gerade war Marie bereit, es noch einmal mit Schlaf zu probieren, als ein lautes Poltern direkt vor ihrer Tür sie aus dem Bett hochschrecken ließ. Panisch stand sie auf der Matratze und starrte auf die Tür. Die Klinke bewegte sich und Marie schlug sich die Hand vor den Mund um einen Schrei zu unterdrücken. Glücklicherweise lag der Riegel davor und die Türe öffnete sich nicht. Schlurfende Schritte entfernten sich. Dann ertönte ein klagender, langgezogener Seufzer.

Marie schluckte, griff nach einem schönen und schweren Kerzenständer auf dem Nachttisch auf der anderen Bettseite und ging zur Tür. Panik und Neugier wechselten sich ab. Sie wollte nur kurz schauen, und dann die Türe gleich wieder verschließen.
Es dauerte eine Weile, bis sie den Mut aufbrachte, den Riegel zurück zu ziehen. Sie öffnete die Tür erst einen Spalt, und lugte hinaus. Nichts war zu sehen. Langsam öffnete sie die Tür ein Stück weiter und sah rechts und links den Flur hinunter. Erleichtert stellte sie fest, dass auch hier nichts Auffälliges zu sehen war.
Marie wollte gerade wieder zurück ins Zimmer gehen, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Links, wo der Flur um eine Ecke bog, waberte blauer Nebel. Marie wurde blass, und umklammerte den Kerzenständer. Dann waren wieder die schlurfenden Schritte zu hören. Marie wusste, dass sie besser zurück in ihr Zimmer gehen und den Riegel vorschieben sollte. Aber sie blieb weiterhin wie angewurzelt stehen, starrte auf den Nebel und lauschte den Schritten, die immer näher kamen. Dann bog sie um die Ecke, vom blauen Nebelwaben umgeben … die weiße Lady.
Marie konnte sie nicht genau erkennen. Sie wirkte schemenhaft und durchscheinend. Trotzdem wirkten ihre Bewegungen und ihre Schritte auf dem Boden so real.
Das war mehr als Marie ertragen konnte. Schreiend rannte sie in ihr Zimmer, warf die Türe ins Schloss und schob den Riegel vor. Noch schneller eilte sie ins angrenzende Badezimmer und schloss auch diese Türe und drehte den Schlüssel um.

So stand Marie eine Weile im Badezimmer und wusste nicht was sie tun sollte. Ein leises klopfen schreckte sie auf. „Mylady Marie, ist alles in Ordnung?“ Es war Frederics Stimme. Er stand vor ihrer Zimmertür und schien besorgt zu sein.
Marie wagte sich wieder aus ihrem Badezimmer und öffnete Frederic die Türe zu ihrem Schlafzimmer. „Oh Frederic, ich habe sie gesehen. Es gibt sie wirklich. Die weiße Lady.“ Marie stürzte sich regelrecht in seine Arme und suchte Schutz.
„Aber Mylady, es gibt keine weiße Lady hier. Sicher haben sie nur geträumt.“ Väterlich tätschelte er ihr den Kopf und die Schulter, aber Marie schüttelte den Kopf.
„Nein, ich habe das sicher nicht geträumt. Ich war wach. Ich habe sie gesehen. Sie war umgeben von blauem Nebel.“
„Der blaue Nebel,“ murmelte Frederic verstört und sah sich wieder um, „Mylady, schließen sie die Türe hinter sich und bleiben sie in ihrem Zimmer. Es kann ihnen nichts geschehen. Ich werde nachsehen, ob nicht ein Fenster offensteht. Gerne kommt dann der blaue Nebel auch ins Schloss.“ Mit diesen Worten eilte er wieder weg. Marie wollte nicht alleine sein, aber sie wollte auch nicht dem Butler hinterhereilen, ausgerechnet in die Richtung, aus der der Nebel und die Schritte kamen. Also sperrte sie sich wieder ein.

Frederic kam nicht wieder, und Marie fiel irgendwann in einen unruhigen Schlaf. Glücklicherweise passierte nichts mehr.

Am nächsten Morgen war Marie früh wach. Sie fühlte sich wie gerädert. Eilig packte sie ihre wenigen Habseligkeiten ein und machte sich auf den Weg nach unten in die Eingangshalle. Sie würde das Schloss sofort verlassen. Nicht eine Minute wollte sie noch bleiben. Aber von Frederic wollte sie sich verabschieden. Irgendwie mochte sie ihn. Doch sie konnte ihn weder im Speisezimmer noch in der Küche finden.
Plötzlich hörte sie ein leises Lachen. Dann drangen ein paar Wortfetzen an ihre Ohren und wieder ein leises Lachen. Marie machte die Geräusche im Salon aus. Frederic hatte sie gestern auch dorthin geführt, und sie hatte den prunkvollen und geschmackvoll eingerichteten Raum lange bewundert.
Zaghaft öffnete Marie die Tür, und sofort verstummten alle Gespräche. Die ganze Familie war versammelt. Doch keiner von ihnen war noch genauso chic gekleidet wie am Vorabend. Der junge, grantig dreinblickende Mann vom Vorabend, dem sie am Tisch gegenübergesessen hatte, kam in Jeans und T-Shirt, mit einem strahlenden Lächeln auf sie zu.
„Marie, sie sind ja schon wach. Jetzt haben sie uns tatsächlich erwischt und unser Geheimnis schon vorzeitig gelüftet.“
Marie wusste gar nicht, wie ihr geschah, als er sie in den Salon zog, und alle um sie herum sie anlächelten und ihr auf die Schulter klopften.
„Sie haben sich wirklich gut geschlagen Marie“, lachte eine Frau mittleren Alters, die ihr wunderschönes Cocktailkleid vom Vorabend auch gegen Jeans und einen Rollkragenpullover eingetauscht hatte.
„Äh was?“, piepste Marie.
„Oh bitte Onkel Fred, kläre die junge Dame auf“, lachte die Frau, und trank einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse.
Marie sah Frederic den Butler neben sich auftauchen. Das Livree hatte er gegen eine Cordhose und ein kariertes Baumwollhemd eingetauscht.
„Frederic?“, fragte Marie ungläubig, „was geht hier vor sich?“
„Nun ja, Marie, sie hatten in ihrem Antrag erwähnt, dass sie schon immer einmal eine Nacht in einem Gruselschloss verbringen wollten. Und der Wunsch unserer Kunden ist uns Befehl.“ Er lachte, und Marie stimmte mit ein, als ihr dämmerte, dass das alles nur gespielt gewesen ist.
„Sie haben auf ihrer Internetseite nicht mit Gruselambiente geworben“, murmelte Marie.
„Nein, das macht es ja so spannend. Es reichen die Rezensionen derer, die auch eine Gruselnacht hatten. Gruselfans finden das interessant, weil es auf der Internetseite nicht erwähnt wird. Aber nicht jeder bucht Gruselurlaub. Manche wollen es lieber romantisch. Und wieder andere sind eher an der Architektur, der Geschichte oder der Umgebung interessiert.“
Marie sah alle nacheinander an. „Natürlich, das war alles geplant. Die kalte Atmosphäre am Tisch, die Reaktion des Butlers auf die weiße Lady, die Bitte um das geschlossen halten der Tür. All das sollte dafür sorgen, dass meine Nerven blank liegen.“ Marie sah überrascht drein, als ihr das alles so bewusstwurde.
„Ja, und dann reicht schon ein klein wenig Nebel aus der Nebelmaschine und eine verrückte Grandma in ihrem weißen Nachthemd und dem Rüschenmützchen, damit die mutigen Schlossbesucher panisch aus den Latschen kippen.“ Die alte Frau, die ihr am Tisch mit dem Besteck geholfen hatte, kicherte, nachdem sie sich selbst als verrückte Grandma bezeichnet hatte. „Wir haben sie sowas von dran gekriegt Marie!“ Sie zwinkerte Marie zu und reichte ihr eine Tasse Kaffee. „Trinken sie einen Schluck Schätzchen. Sie sehen aus, als könnten sie ihn brauchen.“

All die Anspannung, Angst und Panik fielen auf einmal von Marie ab, und die Erleichterung ließ sie auflachen, als hätte sie den Verstand verloren. Als sie sich endlich beruhigt hatte, und nach der Kaffeetasse griff, bemerkte sie: „Mensch, ihr seid wirklich gut. Ich habe euch alles abgenommen, wirklich alles. Da habe ich aber wirklich Glück gehabt, dass ich nicht in einer Nacht und Nebel Aktion aus dem Schloss geflohen bin.“ Grinsend schüttelte Marie den Kopf. „Glück war auch, dass ich ausgerechnet hier gebucht habe und ich danke euch meine ersten Gruselerfahrungen sammeln konnte.“ Marie lacht auf.
„Gut, dann vergessen sie die Bewertung nicht … aber bitte ohne den anderen den Spaß und die Spannung zu nehmen.“ Frederic zwinkerte Marie lächelnd zu, bevor sich alle am Frühstückstisch versammelten.

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  1. Lissi wow ,du hast dich übertroffen, wie facettenreich du bist..einfach toll..soo spannend, der Schluss gefällt mir richtig gut! Chapeau 😊

    1. Danke Liebes 😘
      Ich gestehe, dass ich früher voll gerne Gaslichtromane gelesen hab 🙈😂 Da kamen mir die Stichworte ganz recht 😉 Wollte nur ein anderes Ende, für den Überraschungseffekt 🤭
      Schön, dass es so gut ankam 😊

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